Dieter Bartetzko, 10. Februar 1949 – 19. Mai 2015

Der Deutsche Werkbund Hessen e.V. trauert um sein langjähriges Mitglied, den Freund und Kollegen Dieter Bartetzko, der sich in hervorragender Weise für die Belange des DWB e. V. sowohl persönlich wie auch publizistisch eingesetzt hat.

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Dieter Bartetzko wurde 1987 in den Werkbund berufen. Bis zu seinem Tod am 19. Mai 2015 war er Mitglied im Werkbund Hessen.

Ein Vereinsmensch war er nie. Aber er gab dem Anliegen des Werkbunds eine Stimme, wenn man ihn und sein kritisches Urteil brauchte. Einer dieser Anlässe war das 2007 publizierte Buch „Standpunkte – Zur Bebauung des Frankfurter Römerbergs“.

Mit dieser Publikation positionierte sich der Werkbund in der Auseinandersetzung um die Bebauung des nach dem Abriss des Technischen Rathauses frei gewordenen Geländes der ehemaligen Frankfurter Altstadt. Die öffentliche Diskussion war zu diesem Zeitpunkt dominiert von jenem Teil der Bürgerschaft, die beseelt war von der Idee, an dieser Stelle das Alte Frankfurt „als monumentales Idyll aus Gotik und Barock“ wiedererstehen lassen.

So beginnt Dieter Bartetzko seinen Artikel mit einem Zitat Nestroys: „Ich lass mir meinen Aberglauben durch keine Aufklärung rauben.“

Gründe und Argumente gegen die sogenannten Altstadtfreunde und deren Rekonstruktionsphantasma lagen auf der Hand, wurden aber mit entsprechender Hartnäckigkeit ignoriert. Bartetzkos Unbehagen an der „naiven Schwärmerei“ der sogenannten Altstadtfreunde und deren Rekonstruktionspläne fand deutliche Worte.

Aber diese Kritik war nicht gleichzeitig schon ein Plädoyer für die Moderne, die mit Technischem Rathaus (1987) und Historischem Museum (1972) – 1986 kam die Kunsthalle Schirn hinzu – den Römer dominierten. Bartetzkos Urteil fiel für diese Gebäude ebenso deutlich aus. Es waren aber nicht einmal die Architekturen, die seine Ablehnung hervorriefen sondern der sich hybrid gerierenden Gestaltungsanspruch der Moderne, der sich in diesen Gebäuden aussprach.

Frankfurt Stadtmitte mit Technischem Rathaus, 2007 Foto: Max Pasztory

Mit dem Abriss des Technischen Rathauses nach nur 45 Jahren fand in der Mitte Frankfurts eine Haltung ein Ende, die sich durch „demonstrative Ahnungslosigkeit und Verachtung gegenüber dem architektonischen Herkommen und dem einstigen, in geringen Resten durchschimmernden Gesicht Frankfurts“, auszeichnete. 

In diesem Zitat findet sich Dieter Bartetzkos Auffassung von Architektur, in der sich etwas Unverwechselbares, Lokales Gemeinschaft stiftendes, Kostbares bewahren muss. An anderer Stelle1) konkretisiert sich diese Auffassung im Rückgriff auf eine Stelle in Nietzsches Unzeitgemäßen Betrachtungen. Dort heißt es: „Das Kleine und Veraltete erhält seine eigene Würde und Unantastbarkeit dadurch, dass die bewahrende Seele der antiquarischen Menschen in diese Dinge übersiedelt; die Geschichte seiner Stadt wird ihm zur Geschichte seiner selbst. Hier ließ es sich leben, sagt er sich, denn hier lässt es sich leben; hier wird es sich leben lassen, denn wir sind zäh und nicht über Nacht umzubrechen.“ 

Vergangenheit und Zukunft werden hier aus der unmittelbaren und deshalb vermittelnden Existenz derjenigen Menschen beurteilt, die sich aufgehoben in und verbunden mit der Tradition eines Ortes erfahren. Es ist eine zentrale Kategorie Bartetzkos Architekturauffassung, dass Architektur Zeugnis darüber ablegen muss, ob sie ein Bewusstsein von der Geschichte des Ortes, an dem sie „Platz nimmt“ umfassend und sinnfällig geben kann. Wenn sie es kann, dann stellt sie Bindung, Kontinuität und Identifikation her.

Bartetzko nimmt „das Kleine und Veraltete“ wörtlich. Es sind die originalen Reste eines unwiederbringlich verlorenen Ganzen. Und folgerichtig wird er nicht müde zu fordern, „neu“ und „unter Verwendung sämtlicher historischer Relikte“ zu bauen, um ein „instinktiv Richtig-Lesen der noch so überschriebenen Vergangenheit“ zu ermöglichen. Damit wird gelungene Architektur zu Literatur – der er sich in seinen Artikeln gerne bedient. Sie erzählt und will gelesen werden als Zeugnis einer Kultur, die darum ringt, dass es sich in ihr leben lässt.

Wenn man seinen, die Realisierung der neuen Altstadt begleitenden Artikeln in der Frankfurt Allgemeinen Zeitung glauben darf, so ist Dieter Bartetzko in der Überzeugung verstorben, dass sich diese Haltung in der Bebauung des Frankfurter Römerbergs weitgehend durchgesetzt hat.

Schade, dass er die Fertigstellung und – um die von ihm adaptierten Worten Nietzsches zu variieren – die Übersiedlung der bewahrende Seele der antiquarischen Menschen in eine Zukunft, die ihre Herkunft nicht verleugnen darf, nicht erleben darf.

Wir nehmen Abschied von einem visionären Antiquar.

Ulf Kilian, 1. Vorsitzender des Deutschen Werkbund Hessen e.V.

 

1) Mut zum Traum, FAZ vom 11. April 2015 »

Architekturkritik – ein neues Ressort

Das reich ausgestattetes Bürgerhaus der Renaissance die „Goldene Waage“ – Baujahr 1619 ist eines der historischen Gebäude, die aufwendig rekonstruiert werden. Ansicht ca. 1935. Foto: Institut für Stadtgeschichte

Erst in den 70er Jahren, in der Folge allgemeiner Enttäuschung über die Entwicklung der Städte, etablierten sich Architekturkritiker in Tages- und Wochenzeitungen. Gottfried Knapp in der Süddeutschen Zeitung, Manfred Sack in Die Zeit, und Dieter Bartetzko erst in der Frankfurter Rundschau, dann im Feuilleton der FAZ. Das war im Journalismus praktisch ein neues Ressort und es brauchte hervorragende Kenner und Schreiber, um es beim Publikum durchzusetzen. Auf der Plattform FAZ entwickelte sich Dieter Bartetzko zu einer Institution der Architekturdarstellung und -kritik, nicht nur für Frankfurt und Rhein-Main, sondern auch national und international. Mit seinem immensen Wissen, das sich auch auf Archäologie erstreckte und von daher auch Maßstäbe bezog, erkannte er früh schon die Schwächen der Fassadenmentalität und konnte sie in Trends und Details darstellen, etwa die arrogante Missachtung der 50er Jahre, die zu vielen schmerzlichen Gebäudeabrissen führte. Aber er konnte sich auch ideologiefrei über die vielen Details freuen, die z.B. mit der Neubebauung des Dom-Römerbergs wieder auftauchten und das alte Stadtbild mit dem neuen verbinden.

Jochen Rahe DWB

Dieter Bartetzko ist tot.

Wenn man schon in den Zwanziger Jahren dem Werkbund nachgesagt hat, er lebe von der Arbeit seiner berufenen Mitglieder oder sei das Gewissen der Gestaltung, so trifft das bei unserem Freund Dieter Bartetzko erst recht zu. Es gab kaum einen Menschen, der sich in solcher Weise der Gestalt unserer dinglichen Umwelt annahm wie er. Seine überzeugenden, oft messerscharfen Kritiken an Planern, Bauherren und Denkmalbeauftragten hat ihm dabei vielleicht nicht nur Freunde gemacht, aber von allen Seiten Anerkennung ob seines fachlichen Wissens und seiner journalistischen Fähigkeiten eingebracht.

Als ich ihn vor 40 Jahren kennenlernte, war es der damalige BDA-Vorsitzende Artur Walter in Frankfurt, der mit Dieter Bartetzko eine hauseigene Zeitschrift über das Frankfurter Baugeschehen auf den Weg bringen wollte, was jedoch bei den Kollegen auf Ablehnung stieß. Bis heute hat sich an dieser Einstellung leider nicht viel geändert.

Dabei haben die hervorragenden Gedankengänge, die Bartetzko als Journalist oder auch als Vortragender äußerte, ihn als journalistischen Vor- und Querredner zum bedeutendsten Nachdenker auf dem Gebiet des Gestaltungsbereiches “von der Stecknadel bis zur Stadt und Landschaft“ gemacht. Eigenes Erleben und die historische Kontinuität waren dabei die Stützpfeiler seiner Denke. Kaum ein Anderer konnte sich so wie er in das Werden des vergangenen Jahrhunderts hineinversetzen und die wesentlichen Momente entsprechend interpretieren.

Dazu hat ihm aber auch die Musik verholfen. Wenn er bei Feiern oder der legendären Eröffnung des Werkbundhauses in Frankfurt mit seinem ihn am Flügel begleitenden Freund Alfons Maria Arns die Chansons der Zwanziger Jahre in wundervoller Gesangsqualität zum Besten gab, war das für alle ein Genuss.

Seine Stimme als Sänger und als Autor wird uns unvergesslich bleiben.

Rolf Schmidt BDA DWB

Cabaret & Co. Dieter Bartetzko und Alfons Maria Arns bei der Eröffnung der Werkbundräume in der Weißadlergasse in Frankfurt am 9. Mai 1987. Foto: Miriam Schmidt

Kleine Kunst ganz groß

„Der Tod macht eine fulminante Montage aus unserem Leben.“ – An diesen Satz des italienischen Schriftstellers und Filmregisseurs Pier Paolo Pasolini musste ich jetzt wieder denken, als ich vom Tod meines langjährigen Freundes und musikalischen Partners Dieter Bartetzko erfuhr. Man weiß ja, mehr oder weniger abstrakt und lebens- wie kunstphilosophisch geschult, dass nur durch die Begrenzung des Todes das Leben seine endliche Form erhält; sie dazu dient, uns überhaupt auszudrücken. Und doch ist der Tod eines oder einer Nahestehenden immer wieder ein unerhörter, nicht zu akzeptierender Skandal; erst recht, wenn er einen Menschen „vor seiner Zeit“ ereilt. Das ist hier – wieder einmal – auf brutale Weise der Fall; nämlich das abrupte Ende eines ungemein produktiven, aber auch unruhig-hektischen Lebens, das jetzt in mir die gemeinsamen Erfahrungen wie in einem Erinnerungsfilm ablaufen lässt.

Ich kenne Dieter seit meinem Studium der Literatur-, Politik- und Musikwissenschaft in der Universitätsstadt Marburg an der Lahn Mitte bis Ende der 1970er-Jahre, jenen magischen Ort in einer bewegten Zeit, der für viele damals zum Ausgangspunkt eines produktiven intellektuellen Lebens wurde. Als wir beide dann zu Beginn der 1980er-Jahre in Frankfurt am Main landeten (für Dieter wieder), fanden wir über das Thema Architektur hinaus schon bald auch musikalisch zueinander: Dieter an der Bühnenrampe als ein zwischen den Geschlechtern wie den Tischen pendelnder Sänger und textsicherer wie ironischer Interpret von Schlagern, Liedern, Songs, Chansons und Couplets (Otto Reutter, Friedrich Hollaender, Kurt Weill etc.). Und ich als Mann am Klavier im Hintergrund, der für das notwendige musikalische Fundament sorgte; die ganz sinnfällige Verbindung also von Architektur und Musik.

Für mich als eher klassisch ausgebildeten fünf Jahre jüngeren Klavier- und Orgelspieler war die leichte Muse, abgesehen von der Popmusik, eine neue Welt, ebenso wie die Welt der Bühne, auf der sich Dieter schon seit langem ungemein selbstbewusst und sicher bewegte. Er hatte eben stets große Vorbilder wie Caterina Valente, Udo Jürgens, Frank Sinatra, um nur einige zu nennen. Von Dieter habe ich gelernt, die Welt in bestimmten Momenten durchaus als Bühne zu begreifen, auf der man ab und zu eine Rolle spielt, die man dann aber auch vorbehaltslos und professionell annehmen und wieder verlassen muss.

Wir waren für lange Jahre ein gut eingespieltes und bei Publikum und Kritik ziemlich erfolgreiches Duo mit vielen Auftritten in ganz speziellen Unterhaltungs-Architekturen: schummrigen Bars, Kneipen und Kaschemmen, verschwitzten privaten Clubs und Kellern, aber auch in seriösen Bistros, Akademien, Literaturhäusern, Theatern und Museen, oft vor großem Publikum. Das war sehr anstrengend, auch wegen der vielen Proben und Anfahrten, aber immer aufregend, improvisatorisch und lehrreich. Der lachsichere running gag zu Beginn unserer Auftritte war stets der Hinweis, dass wir uns gerade auf einer Tournee durch das (oberhessische) Amöneburger Becken auf dem Weg nach Hollywood befänden. Über die Jahre hinweg wuchs das Repertoire und damit auch der Notenbestand zu einer beachtlichen Größe an, ein Fundus aus dem ich als heutiger Background- bzw. Barpianist im Nebenberuf immer noch schöpfe.

Unsere ersten gemeinsamen öffentlichen Auftritte unter dem Signum Cabaret & Co. fanden in der heute nicht mehr existierenden Galerie-Bistro in der Friedberger Landstraße statt, das von der mütterlich-umsorgenden Malerin Vera Schroeter und ihrem Freund Günther geführt wurde. Die Anmutung eines plüschigen privaten Wohnzimmers mit einem stets umherlaufenden leicht meschuggenen Hund ist mir noch heute gut im Gedächtnis und war für mich ein optimaler Start als semiprofessioneller Musiker zunächst vor kleinem Publikum. Anfänglich hat Dieter in dieser Galerie auch eigene rätselhaft-kaleidoskopartige Zeichnungen und Gemälde ausgestellt, die dann von uns musikalisch grundiert wurden in einer Mischung aus Kabarett und Tingeltangel. Gerade in dieser intimen Atmosphäre konnte das Spezifische von Cabaret & Co. zur Geltung kommen: der kleinen Kunst in engen Räumen mit einfachen Mitteln durch Genauigkeit und Witz Größe zu verleihen.

In gewisser Weise war Dieter selbst die Summe all jener Kunstfiguren, denen er neues Leben einzuhauchen versuchte, ob es sich nun um Mackie Messer, Circe oder die Kleptomanin handelte. Nicht nur ich werde ihn sehr vermissen.

Alfons Maria Arns

30.8.2010: der erste Kontakt – eine vorsichtige, zurückhaltende Anfrage meinerseits per email

1.9.2010: die erste Antwort „Ihr Konzept sagt mir zu. Beste Grüße, Dieter Bartetzko“

10.8.2012: die erste Erinnerung (der Drucklegungstermin rückt näher), es folgten noch weitere

20.8.2012: das zweite Hinausschieben „ich könnte erst am Samstag schreiben“

3.9.2012: „hier also, sozusagen mit hängender Zunge, in letzter Sekunde mein Vorwort. Ich hoffe, es passt, formal und inhaltlich“

9.10.2012: Für die Buchvorstellung in St. Georgen wurde „Einst gelobt und fast vergessen. Moderne Kirchen in Frankfurt a.M., 1948–1973“, das zusammen mit dem Deutschen Werkbund Hessen entstand, direkt aus der Druckerei angeliefert. 

Bartetzkos Text hat gepasst, formal und inhaltlich. Und war grandios dazu. 2014 folgte ein weiteres Vorwort aus seiner Feder für eine Werkbund/Opatz-Publikation. Erneut in letzter Sekunde fertig gestellt. Erneut grandios.

Traurig und in großer Dankbarkeit

Wilhelm Opatz DWB

Dieter Bartetzko in der FAZ im Zusammenhang mit der Publikation „TransForm: Zur Revitalisierung von Immobilien“ von KSP Engel und Zimmermann, 2007. Fotos: Anke Wünschmann

Aber eins ist sicher, er konnte sehr unbequem sein, auf eine unglaublich sympathische Art!

Jetzt ist er’s nicht mehr – und das tut mir sehr leid.

Anke Wünschmann DWB

Das Gespräch mit Dieter Bartetzko am 29. März 2007 in den Räumen der F.A.Z.-Redaktion, geführt von Enrico Santifaller und Anke Wünschmann »

Dieter Bartetzko war Pflicht

… in der FAZ oder seine Monografien. Er konnte mit seinem großen Kenntnisreichtum vielen Planungs- und Bauhistorikern das Wasser reichen. Und überlegen war er ihnen oft mit seiner Sprach- und Vermittlungsbegabung.

Ein eigenartiger Zufall: während des Schreibens über ein Stück Planungsgeschichte der Stadt Kassel ereilt mich die Nachricht von Tod Dieter Bartetzkos. Ich blättere zu dem Zeitpunkt gerade in einem kleinen Artikel von ihm, den ich zu zitieren gedachte: das geschieht nun noch bewusster und "erst recht" *). 

Folckert Lüken-Isberner DWB

*) Dieter Bartetzko, "Zeugnis, Gedächtnis, Ärgernis. Architektur des Dritten Reiches in Frankfurt und Kassel", in: Hadwiga Fertsch-Röver, Gerhard Kraus (Hg.), Denkmal. Hessischer Kultur auf der Spur, Eichborn, 1997