Illustration der schwedischen Karikaturistin Ann Telnaes, 2015 und die Freiheitsstatue in Paris

Salut!

"Julius Posener kam auf mich zu und fragte, wo ich herkomme. Und daraufhin sagte er mir einen Satz in hebräisch, einen Satz in französisch und einen Satz in englisch. Als ich ihn fragte "Wer sind Sie?" sagte er "I’m the Rolling Stone." (Myra Warhaftig)

 

Nach den Attentaten in Paris möchte ich hinweisen darauf, dass sich der Deutsche Werkbund seit seinem Beginn mit Satire wie auch mit dem interkulturellen Dialog auseinandergesetzt hat. So war einer der Gründer des Deutschen Werkbundes, Bruno Paul, als Architekt wie Karikaturist gleichermaßen bedeutend. Von seinem Simplicissimus-Kollegen Karl Arnold wurde der Werkbundstreit 1914 prägnant kommentiert.

Arnold glossierte auch das Aufkommen der Stahlrohrmöbel seit 1925 mehrfach, während sein Kollege Thomas Theodor Heine, der nach 1933 exilieren musste, die Moderne, insbesondere das Bauhaus, scharf kritisierte.

"Der neue Bauhausstil hat alles beseitigt, was Wohnungen von Gefängnissen unterscheidet. Im Interesse eines geordneten Strafvollzugs ist es daher erforderlich, nunmehr die Gefängnisse mit Ornamenten zu versehen."

 

 

 

 

 

1929 nahm der Deutsche Werkbund engagiert gegen Reaktion und aufkommenden Faschismus in Deutschland Stellung, als er den Fotomontagen John Heartfields in der Stuttgarter Ausstellung „Film und Foto“ einen ganzen Raum zur Verfügung stellte.

Dass dies im Werkbund zu Auseinandersetzungen führte, ist unbestritten, zumal seit der Weißenhofsiedlung 1927 konservative Kräfte im Werkbund sich hintenangesetzt sahen.

Auch dies führte zur Satire, etwa bei Paul Schmitthenners Varianten zu Goethes Gartenhaus, deren Kritik an der funktionalistischen Moderne allerdings liebevoll ist, ganz im Gegensatz zu der Diffamierung der Weißenhofsiedlung als „Araberdorf“ oder „Neu Jerusalem“.

Engagiert gegen den Faschismus zeigten sich auch in der Schweiz Werkbundmitglieder wie Max Bill und Richard Paul Lohse, vom späteren Direktor der hfg ulm Bill etwa gibt es für die Zeitschrift „Information“ bissige Zeichnungen und Fotomontagen.

 

 

 

 

Der interkulturelle Dialog wurde ebenfalls vom Werkbund früh mitbestimmt, etwa bei dem Wettbewerb für ein „Haus der Freundschaft“, 1916 im damaligen Konstantinopel, wo Hans Poelzig einen expressiven Entwurf beisteuert.

Auch Bruno Taut hatte sich schon früh mit nah- und fernöstlichem Bauen – Moscheekuppel, japanisches Wohnhaus – auseinandergesetzt, wofür das Glashaus 1914 als Beispiel stehen mag.

Die Errichtung der nationalsozialistischen Diktatur zwang dann viele deutsche Architekten und Gestalter ins Exil oder verhinderte deren Rückkehr nach Deutschland. Insbesondere die Türkei bot diesem deutschen intellektuellen Potential zahlreiche Wirkungsmöglichkeiten, ob es sich nun um Politiker wie Ernst Reuter oder um Architekten wie Gustav Oelsner, Martin Wagner, Paul Bonatz und eben auch Bruno Taut handelte. Taut, der am 24. Dezember 1938 starb, ist als einziger Nicht-Muslim auf dem Istanbuler Ehrenfriedhof Edirnekapı begraben.

 

Auch nach 1945 gehörten die Satire und deren Verfasser zum Deutschen Werkbund. So entwarf etwa der Bauhaus-Gründer Walter Gropius nach einer verlorenen Wette einen Schweinestall für das Hausschwein des Industriellen Philip Rosenthal,

Ernst Maria Lang, "Das Nackte, absolut erlaubt, hat oft die Illusion geraubt."

eine Doppelbegabung wie Bruno Paul war auch der Münchener und Karikaturist Ernst Maria Lang, gleiches gilt für den Städel-Erweiterungsarchitekten Gustav Peichl und seine „Ironimus“-Zeichnungen.

Gustav Peichl, "Der heilige Stuhl"
"It's time to fly to Hanoi"

Erinnert sei auch daran, dass 1968 Gunter Rambow und Gerhard Lienemeyer drastisch Stellung zur Eskalation des Vietnam-Krieges bezogen.

1982 karikierte schließlich der langjährige Werkbundvorsitzende Lucius Burckhardt den "Sieg der guten Form".

"Tagedieb", Design: Carmen Buttjer, 2013

 

 

 

 

 

 

  

In der Folge kam es zum „Neuen Deutschen Design“, dessen Produkte noch bis zum 1. Februar 2015 im Bröhan-Museum zu sehen sind und überwiegend ironisch-satirische Reaktionen auch auf vermeintlich ewiggültige Werkbundleitsätze vorstellten und so eine neue, witzig-funktionale Gestaltung einleiteten, wie sie gegenwärtig etwa durch Nils Holger Moormann vorbildlich entwickelt und vertrieben wird.

 

Deutlich wurden die Schwierigkeiten des Funktionalismus’ in der Architektur spätestens 1972, als die während der Bauphase als vorbildlich gepriesene Sozialsiedlung Pruitt Igoe im amerikanischen St. Louis nach nicht einmal 20 Jahren abgerissen wurde.

Da mutet es fast prophetisch an, wenn im Jahr zuvor Goscinny und Uderzo als 17. Erzählung der Asterix-Reihe „Die Trabantenstadt“ vorlegten, die allerdings nach ihrem Scheitern friedlich von der Natur überwuchert wird.

 

Angesichts dessen, dass die Pariser Banlieue von solchen Großsiedlungen gesäumt wird und gerade die älteren Siedlungen mittlerweile häufig soziale Problemzonen und rechtsfreie Räume ausbilden, in denen islamistische Parallelgesellschaften sich bereits ausgebreitet haben, scheint es mir angemessen, diese Hinweise auf die Notwendigkeit der Satire überall und so auch im Werkbund mit einer Zeichnung zu beschließen, die Uderzo als anrührende Reaktion auf die Auslöschung der Charlie Hebdo-Redaktion zeichnete.

Salut!

Ursula Wenzel DWB