Die Nordlichter

Die Nordlichter im Werkbund sind Mitglieder, Ehemalige oder Persönlichkeiten, deren Leistungen hier vorgestellt werden.

Hans Hollein

DWB Nord - Ehrenmitglied Hans Hollein gestorben

 

Er begann mit der Gestaltung von Ladenlokalen in seiner Vaterstadt Wien und machte sich seinen international renommierten Namen u.a. mit den Museumsbauten in Mönchengladbach und Frankfurt am Main. Der Entwurf eines ovalen Erweiterungsbaus des Wilhelm-Busch-Museums in Hannover wurde nicht realisiert.

Hans Hollein begriff Architektur als künstlerische Ausdrucksform, der Kunst war er so verbunden, dass er 1972 den Auftritt seines Heimatlandes bei der Biennale in Venedig kuratierte!

Hollein wehrte sich gegen den reinen Funktionalismus, provozierte gelegentlich mit postmoderner Attitüde, verstand aber seine Entwürfe, seine Lehrtätigkeit und sein Bauen als Beteiligung am Diskurs verantwortlicher Gestaltung der Welt. 1985 wurde ihm der Pritzker Price verliehen.

Gerade weil sich Hollein der Strenge der Bauhausnachfolge verweigerte und Vorschläge für eine neue Ästhetik seiner und unserer Gegenwart im späten 20. und frühen 21. Jahrhundert formulierte, war ihm die Auszeichnung der Ehrenmitgliedschaft beim Deutschen Werkbund Nord wichtig. Diese selten vergebene Anerkennung, verliehen 2004 im hannoverschen Rathaus, dokumentierte zugleich das Interesse und die Bereitschaft des DWB Nord, es mit der Provokation Zukunft aufzunehmen. (Stephan Lohr)

 

Das Museum Abteiberg in Mönchengladbach, selbst ein programmatischer Hollein-Bau, zeigt bis zum 28. September 2014 die Ausstellung "Hans Hollein: Alles ist Architektur".

 

Offenes Studio - Klemens Ortmeyer

Nach neuen Ufern will der Fotograf Klemens Ortmeyer Ausschau halten und so entschied er sich nach 24 Jahren in Braunschweig seinen Lebensmittelpunkt nach Hamburg zu verlegen.

Zuvor wird er noch einmal die Türen zu seinem Braunschweiger Studio öffnen und seine Arbeiten der letzten drei Jahre zeigen. Dabei sind Werke, die mancher vielleicht bereits in einer der folgenden Ausstellungen sehen konnte:

BEHIND THE WALLS, 2006 ausgestellt in Köln und Braunschweig

KULTURELLER DIALOG, 2007 ausgestellt in Karlsruhe

BAUSTEINE, 2008 ausgestellt in Herford

BANGKOK SEQUENCES, 2009 ausgestellt in München und Hamburg

SHANGHAI SEQUENCES, 2009

Lambert Rosenbusch – ein Nachruf von Peter Wilkens

• geboren 1940 in Ostercappeln
• Studium der Philosophie in Frankfurt,
• der Architektur in Braunschweig
• Atelier für Architektur in Hamburg 
   seit 1971
• Professor für Industrial Design an der
   Hochschule für bildende Künste
   Hamburg bis 2005
• Atelier in Brauweiler/ Köln

Neben der Tätigkeit als Architekt lag sein Arbeitsgebiet in den übergreifenden Zonen des geisteswissenschaftlichen, künstlerischen und technischen Umfeldes. Dazu zählten für ihn vorrangig die klassischen Disziplinen der bildenden Kunst, Bildhauerei, Malerei ebenso, wie die modernen Formen von Produktentwurf, Raumgestaltung, Bühnenbild, Industrial Design, Fächer, deren Entwurfsregeln heute bestimmt werden aus den Verfahren der industriellen Produktion. Als Architekt vertraut mit dem Umgang von Form, Material und Masse, war sein Bestreben, die gestalterischen Anforderungen unserer Zeit in theoretischer wie praktischer Hinsicht „werkgerecht“ zu lösen. 

Sein besonderes Interesse galt jedoch der Architekturtheorie und ihren benachbarten Gebieten. Hierzu zählten für ihn, hergeleitet aus den frühen Quellen der Antike und der Renaissance, die geometrisch mathematischen Grundlagen der Proportions- und Harmonielehre, in ihrem Bezug auf die Verbindung von der darstellenden zur bildenden Kunst.

Hier schließt seine Forschung an, verbunden mit der Frage nach den Ursachen unseres Handelns. Nach seinem Verständnis bot sich für den Architekten der bauhistorische Ansatz, wo neben dem Entwerfen und Bauen, immer auch der geistigen Reflexion ihr Stellenwert zuerkannt wird. Daher war die historisch tradierte Bauaufnahme, „das Aufnehmen von Architekturen“, in seinem Arbeits-Programm, vor allem auch die Arbeit mit Zirkel und Lineal am Reißbrett, auf die sich auch modernste technische Verfahren zurückführen lassen. Die Instrumente des Euklid stehen für ihn ganz selbstverständlich und unverzichtbar für ein humanistisches Weltbild, in dem der Mensch der Mittelpunkt unseres Handelns zu sein hat. Als Baumeister verstand er sich als Wahrer einer umfassenden Weltsicht mit dem dringenden Auftrag, den ganzheitlichen Menschen zu fordern und ihn vorzuleben, gemäß dem Aufruf der Inschriften am Apollotempel zu Delphi:

erkenne dich selbst
alles mit Maßen
Du bist!

In diesem Zusammenhang einer persönlichen Berufsverantwortung ist die Neufassung eines Bühnenbildes in aktueller Sprache auf dem Theaterboden, ebenso eine Aufgabe der Baukunst, wie auch ein abzufassender Schriftsatz zur Architekturkritik oder das Gutachten zur Wertung eines technischen Produktes. Als Architekt und Lehrer nahm er stets für sich in Anspruch, verantwortlich zu sein, also „Antwort zu geben durch sein Tun“. Das will gelernt sein und bedarf der Askese in täglicher Übung; „von ihr sei Niemand ausgenommen, nicht Lehrling und nicht Meister, denn nur Bescheidenheit lehre, den Wert der Dinge zu erkennen und seinen Stil jenseits der Mode zu finden. Zwar haben sich im Verlaufe der Jahrhunderte die Mittel geändert, nicht aber die Aufgaben. Letztere sind seit je die Gleichen geblieben.“ Lambert Rosenbusch ist als Gestalter stets der Anforderung einer zeitgemäßen Formulierung seiner Werke gefolgt.

Die gemeinsam vorbereiteten Projekte, noch in statu nascendi, waren seiner Überzeugung nach „schon allein durch die Formulierung des Gedankens in der Welt verankert und in Zukunft nicht mehr zu tilgen“.

Der darin ausgesprochene Anspruch scheint in der Rekonstruktion des berühmten Monopteron auf, einem Aussichtstempel hoch über der Elbe in Hamburg. Joseph Rameé nimmt im 18. Jh. mit diesem Rundtempel einen Gedanken wieder auf, den Donato Bramante in der Renaissance des 16. Jh. mit dem Tempietto San Pietro in Montorio in Rom gestaltet: der bescheidene Zentralentwurf eines von einem Peristyl mit sechzehn dorischen Säulen umgebenen Tempietto, wurde eines der bedeutendsten Denkmale der Hochrenaissance. Es war nach über tausend Jahren das erste Bauwerk, welches vollständig im Geiste der römischen Antike entstand und zugleich auf der Höhe seiner Zeit interpretiert war. 

Im Rahmen der fünfhundertjährigen Wiederkehr seiner Einweihung, rekonstruierte Lambert Rosenbusch diese Urfassung im Modell als Studienobjekt für seine Lehre an der Hochschule. Hier knüpft nun der Gedanke an, dem Tempietto des Bramante das Modell des zehnsäuligen Monopteron von Joseph Rameé, quasi als griechische Renaissance, gegenüberzustellen. Hier zeigt sich wiederum, in der Übertragung der Rekonstruktion auf moderne Konstruktionsmittel, der adäquate moderne Gestaltungsausdruck auf der Höhe unserer Zeit. An diesem Beispiel wird exemplarisch die zeitalterübergreifende Modernität der Rosenbusch'schen Architekturlehre deutlich: wie er es selber beschreibt, „auf den Schultern von Giganten stehend, sieht er sich berufen, in Wertschätzung und Achtung, auch das Seine für den Fortgang der Baukultur leisten zu können“.

Der Baumeister, Lehrer und Freund Lambert Rosenbusch ist am 7. September 2009 in seinem 70. Jahr in Brauweiler bei Köln verstorben.

Peter Wilkens

Thomas Deutschmann - Ursula Wagner: Tanzlandschaften - Figur, Natur, Fotografie

Zur Eröffnung der Ausstellung laden wir Sie und Ihre Freunde am Donnerstag den 14.05.2009 um 20.00 herzlich ein.

Einführung: Dr. Annette Roggatz
Tanzperformance I: Ursula Wagner mit Musikern

Seit die Maler aus ihren Ateliers in die Natur gegangen sind, setzen sie den Menschen in Bezug zur Landschaft. In der Arbeit des Fotografen Thomas Deutschmann und der Performerin Ursula Wagner ist die Natur ebenbürtiger Widerpart künstlerischen Ausdrucks. In ihrem Focus auf das Projekt "Die Region als Garten" Hannover 2009 wird Natur, wider ihrem zutiefst reaktiven Sein, zum Impulsgeber: ein Spiegel für menschliches Treiben - sensibel, humorvoll, widerständig, poetisch.

weitere Veranstaltung:
Sonntag, 24.05.2009, 19 Uhr, Künstlergespräch und Tanzperformance II


"Tanzlandschaften" - Figur, Natur, Fotografie


Als Beitrag zum Projekt "Die Region als Garten", Hannover 2009, wird eine Fotoserie präsentiert, in der die Performance-Tänzerin Ursula Wagner und der Fotograf Thomas Deutschmann die Natur und die Kulturlandschaft der Region Hannover in skulptural verfremdeten Ausschnitten sichtbar machen. Aus dem Versuch einer anderen fotografischen Blickrichtung auf Naturräume und der unmittelbaren Interaktion zwischen Fotografie, bewegtem Körper und Vegetation entsteht die Eigenart dieser Bildstudien. So verwandeln Tanz, Licht und dynamische Fotografie Landschaftssituationen in "Tanzlandschaften".

Die Zusammenarbeit von Ursula Wagners Performance-Kunst mit der Fotografie von Thomas Deutschmann geht zurück auf einen künstlerischen Beitrag zum Hannover-Projekt "Wunde Punkte unserer Stadt" (2006/07) - 100 Jahre Deutscher Werkbund -, der im Oktober 2007 in einer Fotoausstellung im Kestner-Museum unter dem Titel "Hinter dem Bahnhof" die städtebauliche Problematik des zentralen Busbahnhofs (ZOB) im Wandel darstellte.

Erste Fotoserien über das Thema Tanz mit der Landschaft folgten anläßlich der Tanzperformance "dynamisch grün" zum Tag der Wissenschaften in den fast vergessenen Mauergärten am Rande der Herrenhäuser Gärten. Weitere z.T. schon bearbeitete Performanceorte werden in spontaner Auseinandersetzung mit der Fotografie tänzerisch neu erschlossen: Park der Sinne, Laatzen, Garten der Fritz-Behrends-Stiftung, Döhren, in den Torf-, Moor- und Farnkrautlandschaften am Steinhuder Meer, Schlosspark Neustadt am Rübenberge etc. Während dieser Aktionen entstand ein umfangreiches Foto-Material, das den Grundstock für die Serie "Tanzlandschaften" bildet.

Galerie Holbein 4
Holbeinstr. 4
30 177 Hannover
T.: 0511 - 622 314

Öffnungszeiten:
Di, Mi, Fr 13-18 Uhr
Do 16-20 Uhr
und nach Vereinbarung

PG Lab vergibt Fotopreis an Julia Dick

Julia Dick, Studentin an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig (HBK) in den Studiengängen Darstellendes Spiel und Kunst, gewann mit ihrer fotografischen Arbeit "Ohne Titel" den vom PG Lab Medienlabor Hannover verliehenen PG Lab Preis.

Der Preis beinhaltet ein Preisgeld in Höhe von 800 Euro und die Produktion der eingereichten Arbeit für die
PG Neujahrsedition in einer limitierten Auflage von 20 Stück für die besten Kunden von PG Lab. Das Fotofachlabor schreibt den Preis nun zum zweiten Mal an der HBK Braunschweig aus und will damit Studenten in ihrer Ausbildung unterstützen.

Die Jury, bestehend aus Candice Breitz, Professorin an der HBK und Christina Lammers, Geschäftsführerin von PG Lab, entschieden sich rasch und übereinstimmend für die Arbeit von Julia Dick. "Mit dieser Entscheidung setzt PG Lab ein Zeichen, eine viel versprechende Entwicklung zu fördern", so Candice Breitz.

Fritz Hahne

Der Deutsche Werkbund Nord verlieh 2006 Fritz Hahne die Ehrenmitgliedschaft. Gewürdigt wurde damit ein Lebenswerk, das in Beispiel gebender Weise für klares Design, soziale Verantwortung und ökologisches Engagement steht.

Das Unternehmen Wilkhahn und Fritz Hahne persönlich sind bereits mehrfach für ihre Beispielhaftigkeit ausgezeichnet worden. Die Stühle und Büromöbel von Wilkhahn behaupten sich seit Jahrzehnten auf hohem Niveau. Fritz Hahnes Wirken ist es zu danken, dass sich seine Gestaltungsideen eben nicht nur auf die äußere Form, sondern auch auf den Produktionsprozess, die Betriebsverfassung und die Architektur des Unternehmens beziehen. So wurden die Werksgebäude in Bad Münder unter anderem von Herbert Hirche, Frei Otto und Thomas Herzog entworfen.

Seine Handlungsmaximen „Wahrhaftigkeit in der Produktgestaltung“, „Fairness in der Zusammenarbeit“ und „ökologische Verantwortung“ verbanden die Traditionen des 1907 gegründeten Deutschen Werkbundes mit den großen gestalterischen, sozialen und ökologischen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts. Sein Lebenswerk war damit auch Impulsgeber für das im Jubiläumsjahr 2007 geplante Werkbund-Programm, das unter dem Motto „Provokation Zukunft“ stand. Als Vorbereitung für dieses Themenfeld richtete der DWB Nord e.V. den Deutschen Werkbundtag am 2./3. Oktober 2005 in Bremen aus, um mit unkonventionellen Ausstellungen und Veranstaltungen seinen Beitrag zu leisten, die Schätze der Tradition in ein Programm für die Zukunft zu überführen.

Fritz Hahnes ganzheitliches Verständnis von verantwortlicher Gestaltung entsprach damit in vorbildlicher Weise den Ideen des Deutschen Werkbundes.

Er starb am 28. Juni 2008.

Heinrich Heidersberger

Rückkehr zum Aufbruch - Fotografien 1949-1973



Ausstellung vom 26.04. - 21.09.2008
Kunstmuseum Wolfsburg
Hollerplatz 1
38440 Wolfsburg

www.kunstmuseum-wolfsburg.de

Lucy Hillebrand

1927 wurde Lucy Hillebrand in den Deutschen Werkbund berufen, der sie 1985 zum Ehrenmitglied ernannte.

Geboren wurde Lucy Hillebrand 1906 in Mainz. Ein tolerantes Elternhaus förderte Sie und ermöglichte ihr die Einschulung in die erste experimentelle Reformschule in Mainz. Übertragung von Denk- und Gefühlserlebnissen in Tanz- und Raumformen gehörte zum Lehrkanon der Schule; und Versuche einer eigenen Tanzschrift weckte in ihr den Wunsch, den Beruf der Architektin zu wählen. Sie starb 1997 in Göttingen.

In den Jahren 1925 - 1928 wurde sie Meisterschülerin des Architekten Dominikus Böhm. Anschließend gründete sie ihr eigenes Architekturatelier in Frankfurt a.M. Dort hatte sie Kontakte zum Freundeskreis "das neue Frankfurt", arbeitete projektweise mit Robert Michel und auch Kurt Schwitters zusammen. Funktional-differenzierte Architektur mit aerodynamischen Versuchen in der Formgebung ist ihr Thema, wie 1930 die Frankfurter Tankstelle. Ab 1934 wurde ihr von den Nationalsozialisten die berufliche Existenz entzogen, verbunden mit persönlicher Bedrohung. Durch Bombenschäden verlor sie dazu ihre Ateliers in Frankfurt und Hannover.

Nach 1945 eröffnete sie ihr eigenes Atelier in Göttingen. Dort arbeitete sie mit dem Soziologen und Publizisten Erich Gerlach zusammen, mit dem sie verheiratet war. Ihr Werk umfaßte jetzt eine Fülle von Entwürfen und Bauten: Kinderhäuser, Jugendzentren, Schulen, Studentenheime. Zusammen mit Pädagogen, Psychologen und Soziologen entwickelte sie auf der Grundlage pädagogischer Erkenntnisse räumliche Grundelemente und eigene Grundformen. Beispiele sind die Erziehungsberatungsstelle in Hannover (1953/56), das Gewerkschaftshaus in Northeim (1958), das psychotherapeutische Klinikum in Tiefenbrunn (1969) und das Albert Schweizer-Kinderdorf in Uslar (1970).

Auch in ihrer späten Schaffensphase entwickelte sie kühne Raum- und Baukonzepte im Entwurf "die Lichtstadt", ein Museum der Weltreligionen als Beitrag zur Weltausstellung der Architektur in Sofia (1989), ein Brückenprojekt (1990) und im gleichen Jahr die "Stadt des Diogenes" für die Stadt EXPO 2000 in Hannover. Sanft schaukeln Häusertonnen auf dem Maschsee. Über Lichtrinnen werden sie diskret beleuchtet, durch stählerne Pontons sind sie miteinander verbunden. Gezeigt wurden die Modelle, die im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt aufbewahrt werden, in der letzten Ausstellung mit Arbeiten von Lucy Hillebrand "die nicht vollendbare Architektur", die der hiesige Landesbund ihr im Sprengel-Museum in Hannover 1994 ausgerichtet hat. An den hier gezeigten Modellen wurde die Denk- und Arbeitsweise Lucy Hillebrands deutlich: Der Weg ist das Ziel, losgelöst von konkreten Bauaufgaben, die Suche nach dem 'großen Einfachen', wie sie es elbst formulierte, organische Bewegungsabläufe, Rückführung der gebauten Form auf ein menschliches Maß, "Denkmodelle".

Rudolf Hillebrecht

Anfang Juni 1959 schrieb der "SPIEGEL" über das 'Wunder von Hannover', und das Titelbild zeigte Rudolf Hillebrecht als dessen Verursacher. Damals war der Stadtbaurat bereits 11 Jahre im Amt und was man seine Wundertat nannte, war die im Vergleich mit anderen deutschen Großstädten einzigartige Planung und Organisation des modernen Aufbaus seiner zu fast 70% zerstörten Heimatstadt. In Rom gar schrieb die Zeitung "Momento Sera" von Hannover als der "Stadt des Jahres 2000", man staune! Besonders seine am Auto ausgerichtete weitsichtige Verkehrsplanung wurde - auch international - bewundert, propagierte er doch "kreuzungsfreie Schnellstraßen, Verkehrskreisel, aufgeständerte Hochstraßen, ja sogar Unterpflasterbahnen". Daß diese zum größten Teil erfüllten Visionen heute auch zu berechtigter Kritik Anlaß geben, schmälert die Qualität seines mutigen Vorgehens nicht; immerhin gibt es auch Hannoveraner, die der nach 30 Jahren Funktionsdauer abgerissenen Hochstraße am Aegidientorplatz eine Träne nachgeweint haben.

Über seinen Werdegang berichtet er, durchaus mit Ironie begabt, in seiner Antrittsrede zur Aufnahme in den Orden "pour le mérite": "In Linden 1910 geboren und aufgewachsen, einer Industriestadt, die erst 1920 zu einem Stadtteil Hannovers wurde. Die Jungen dieser Stadt unterschieden sich scharf voneinander nach "Buttschern" und "Ziffis", welch letztere Klassifizierung ihr Herkommen aus Civis - (Bürger) ihren Sinn noch erkennen läßt. Daß ich in das Lager der bemützten Schüler überwechseln durfte und das humanistische Kaiserin-Auguste-Viktoria Gymnasium mit der erklärten Absicht, Architekt zu werden, verlassen konnte, habe ich allein den beiden Schuldirektoren zu verdanken, die von 1919 bis 1928 diese Schule leiteten. Ich studierte also in Hannover und später in Berlin bei Tessenow Architektur, bei Jansen Städtebau; hier hatte ich bereits Zugang in das Atelier von Walter Gropius, in dem ich so großartige Schöpfungen wie seinen Wettbewerbsentwurf für Charkow miterlebte."

Hillebrecht meint hier das Staatstheater der ukrainischen Hauptstadt, das 1930 für die opulente Zahl von 4000 Personen ausgeschrieben war und sicher auch im Wettbewerb enorme organisatorische Fragen aufgeworfen hat.

"Bis 1934, bis Gropius emigrierte, arbeitete ich bei ihm in Berlin. Dann brachten mich Freunde bei der Luftfahrtindustrie unter, und dort erwarb ich mir bei großen Bauten in Travemünde und Hamburg die nötige Bauerfahrung. Das 2. Staatsexamen beendete diese gute Lehre und ließ mich 1937 gleichzeitig aus dem Staatsdienst ausscheiden. Ich wollte Architekt und nicht Baubeamter werden. So trat ich in das Atelier des jungen Gutschow in Hamburg ein, dessen Bürochef ich von 1937 bis 1945 gewesen bin. Dort habe ich neben der Bearbeitung vieler schöner und weniger erfreulicher Aufgaben vor allem etwas gelernt: Städtebau.".

Städtebau in der Tat hat er dann 25 Jahre lang in Hannover betrieben - eine für heutige Verhältnisse unvorstellbar lange Zeit - und das auch mit der Rückenstärkung des Stadtrates. So konnten langfristig anstehende Projekte überschaubar gemacht und fast ohne Irritationen von außen durchgeführt werden.

Begonnen hat diese neue Stadtentwicklung 1949 mit der von ihm initierten "Aufbaugemeinschaft" von 125 Bürgern. In über 400 Sitzungen warb er für ein Vorgehen, das sich ganz wesentlich auf eine neue Verkehrskonzeption abstützte, nämlich mit Hilfe eines Tangentensystems den die Stadt künftig zu ersticken drohenden Durchgangsverkehr abzuwehren bzw. feingliedrig ins Zentrum zu leiten. Auch legte er bereits 1951 - auch dies ungewöhnlich rasch - einen Flächennutzungsplan vor. Den "sanften Dirigismus", den er sich bei seinem Vorgehen später selbst attestierte, haben Zeitgenossen allerdings auch anders in Erinnerung. So betrieb er eine rigorose Abrißpolitik gegenüber eklektizistischen Bauten des 19. Jahrhunderts, auch das Friederikenschlößchen des Hofbaumeisters Laves wurde, wie man damals festhielt, "in einer Nacht- und Nebelaktion" geschleift. Die Kurzsichtigkeit seines Tuns hat er später dann allerdings eingestanden.

Zwei für die weitere Stadtentwicklung höchst bedeutsame Projekte hat er in seiner Amtszeit auf den Weg gebracht: den Bau der U-Bahn (ab 1965) und damit verbunden (ab 1972) den unterirdischen Bahnhofsdurchstich, die Passerelle. Sie war der Versuch, die abgetrennte Oststadt mit dem Stadtzentrum zu verknüpfen; wenngleich die Passerelle für die Bahnhofstraße in der City belebend wirkte, so ist die verbindende Funktion bis heute unbefriedigend geblieben.

Hillebrecht gehörte zu den visionären Stadtbauräten, vielleicht vergleichbar mit dem Hamburger Fritz Schumacher der 20er Jahre oder Martin Wagner im Vorkriegsberlin. Gebaut allerdings hat er, im Gegensatz zu diesen nichts, beraten nur, etwa beim Bau des Niedersachsenstadions; im Gegenteil, er meinte: ..."In seiner Position dürfe er nicht einmal neue Bedürfnisanstalten skizzieren..."

Hillebrecht war ein im In- und Ausland begehrter Gutachter und Preisrichter, er war auch ein "homme des lettres", sein Veröffentlichungsverzeichnis enthält mehr als 300 Titel. Über die Vergänglichkeit auch seines stadtformenden Tuns hat er sehr wohl gewußt. Dazu schrieb er einmal:
" Städtebauer sind eine zahlenmäßig schwache Berufssparte. Nur wenigen unter ihnen war vergönnt, die Verwirklichung ihrer Pläne zu erleben; die gegenwärtige Generation macht die Ausnahme, daß sie dies Erlebnis hat, jedoch gleichzeitig erfährt, wie kurzlebig ihre Pläne sind."

Rudolf Hillebrecht war Werkbundmitglied von 1948 bis zu seinem Tod 1999. Zum Ehrenmitglied wurde er 1984 ernannt.