Leserbrief von Prof. Dr. Klaus Guethlein zur Bergwerksdirektion

 

Auf Seite 21 der Werbebeilage der SZ vom 21.10.2010 anläßlich der Eröffnung der Saarbrücker Europa Galerie findet sich ein verkürztes Zitat aus meinem 2006  gehaltenen Vortrag (veröffentlicht im Internet), der für die ungeschmälerte Erhaltung des historischen Gebäudes der Saarbrücker Bergwerksdirektion eintritt. Im Zusammenhang dieser Beilage könnte der Eindruck entstehen, dass die Umgestaltung des Gebäudes zu einem Bestandteil der neuen Galerie damit meinen Beifall findet, was nicht der Fall ist. 

Vielmehr habe ich mich damals mit vielen Mitstreitern für die ungeschmälerte Erhaltung des historisch wertvollen Gebäudes eingesetzt, das zu den raren Meisterwerken der Saarbrücker Architektur des 19. Jahrhunderts zählt. Leider hat die Perspektive einer 170-Millionen-Investition und von 900 Arbeitsplätzen die Landesregierung und die Stadt Saarbrücken dazu bewogen, sich über die Bedenken und Einwände des Landesdenkmalrates und vieler Bürger hinwegzusetzen und der weitgehenden Entkernung des Gebäudes zuzustimmen. Immerhin wurden einige Forderungen des Denkmalamtes und des Denkmalrates, wie zum Beispiel die Erhaltung des kostbaren gusseisernen Treppenhauses (leider mit hässlichen neuen Schutzgittern) und des historischen Festsaales von den Investoren akzeptiert. Sogar die ursprüngliche Sprossenteilung der Fassadenfenster, die bereits vor dem Umbau verschwunden waren, wurde wiederhergestellt. 

 

Diese historischen Relikte werden nun als Glanzpunkte der neuen Galerie gefeiert, die dem Shopping Center Seele verleihen sollen.  Inzwischen ist den Erbauern derzeit modischer Shopping Malls nämlich aufgegangen, dass sie mit öden  funktionalistischen Warencontainern aus Beton, Stahl und Glas kaum noch Käufer anzuziehen vermögen, die mit dem Einkauf auch das Erlebnis eines ästhetisch attraktiven Ambientes erwarten. Und dieses nur mit den abgegriffenen Kunststücken moderner Architektur und Design zu schaffen, will immer seltener gelingen. 

So wird das lange waltende Tabu der Moderne aufgebrochen, nämlich einer Bezugnahme auf die historische Architektur früherer Epochen. Neuerdings ist es Mode geworden, das Neue mit dem Alten zu verbinden, auch wenn das Alte häufig gar nicht so alt ist wie es sich gibt. Prominente Beispiele dafür sind der Wiederaufbau des Braunschweiger Stadtschlosses, dessen Inneres sich als ECE-Einkaufs-Center entpuppt, oder die neue Frankfurter Galerie nahe der Hauptwache, My Zeil, die neben schwankenden, scheinbar erdbebengeschädigten Hochhäusern auch mit der Rekonstruktion eines Barockbaus aufwartet, dem Palais Thurn und Taxis, das nach seiner Kriegszerstörung über sechs Jahrzehnte weitgehend aus dem Frankfurter Stadtbild verschwunden war. 

Wird man als Architektur-Historiker solche Rückgriffe auf verschwundene Meisterwerke historischer Architektur noch zähneknirschend hinnehmen, ist die Indienstnahme intakter historischer Gebäude jedoch für jeden, dem das unversehrte und unverschandelte historische bauliche Erbe am Herzen liegt, nicht akzeptabel. 

 

Zumal die historischen Gebäude nun in den oft recht kurzfristigen Verwertungszyklus dieser spekulativen Einkaufs-Paradiese geraten. Und wie kurzlebig solche Gebilde sein können, belegt gerade die Saarbrücker Saar-Galerie, die nach weniger als zwei Jahrzehnten zum großen Teil schon wieder verschwunden ist und nur als marginales Relikt der neuen Europa Galerie überlebt. Die neue Galerie präsentiert sich nun als prunkvolle, dreifach vergrößerte Neuausgabe der ehemaligen Saar Galerie, die durch schiere Größe derenFehlschlag doch noch in einen Erfolg zu verwandeln hofft. Dabei wurde jedoch der damalige Fehler nicht vermieden, ist vielleicht unvermeidlich. Die Europa Galerie oder Passage steht nämlich am falschen Standort. 

Johann FriedrichGeist hat bereits 1969 in seinem Buch Passagen, ein Bautyp des 19. Jahrhunderts auf die wichtigste Bedingung für den Erfolg solcher gedeckter Einkaufsstraßen hingewiesen: sie müssen zwei Geschäftsstraßen miteinander verbinden. Der Passant soll durch sie den Vorteil einer attraktiven überdachten fußläufigen Abkürzung zwischen zwei Einkaufsstraßen gewinnen. Bei der Saar Galerie gab es zwar einen großen Eingang, aber keinen entsprechenden Ausgang am anderen Ende, vielmehr war sie eine Sackgasse oder ein Blinddarm. Ein richtiger Standort wäre beispielsweise in Saarbrücken zwischen der Bahnhofsstraße und der Kaiserstraße gegeben. 

Als die beiden großen Märkte am Ende der Saar Galerie, ein Lebensmittel Markt und ein Media Markt, diese Filialen wegen mangelndem Umsatz schlossen, verfielen im Anschluß auch alle anderen Läden allmählich diesem Schicksal. Auch bei der neuen Europa Galerie finden sich am Ende der dreigeschossigen Laden Straße wieder die gleichen Märkte, aber kein großer Ausgang in eine weitere Geschäftstraße. 

 

Daß das von Geist festgestellte Lebensprinzip der Passagen auch heute noch gilt, bewies nicht nur die Saar Galerie. In Mannheim konnte man beobachten, dass die zwischen den Planken und der Fressgasse gelegene Planken Passage seit vielen Jahren erfolgreich funktioniert, die am Ende der Breiten Straße und dem Kurpfalz Kreisel neu errichtete Kurpfalz Passage trotz ihrer durchaus attraktiven postmodernen Architektur nach wenigen Jahren jedoch wieder verschwand. Auch hier lief die Passage nur parallel zur Breiten Straße, sie bot keinen Durchgang zu einer weiteren Einkaufsstraße, sondern kehrte am Ende in diese zurück. Warten wir also ab, wie sich die Saarbrücker Europa Galerie entwickelt und hoffen im schlimmsten Fall, dass das Baukunstwerk Bergwerksdirektion ihr nicht endgültig zum Opfer fällt. 

 

Prof. Dr. Klaus Güthlein 

Universität des Saarlandes

28.10.2010

 

Bis auf die Hülle

 

Am 21. Oktober 2010 eröffnete in Saarbrücken die „Europa-Galerie“, ein weiteres umstrittenes Einkaufszentrum des Projektentwicklers ECE. Dafür wurde eines der wichtigsten Baudenkmale des Saarlandes, die ehemalige Bergwerksdirektion, rücksichtslos ausgeweidet und überformt.

 

 

 

  

 

Ein Kommentar des ehemaligen Landeskonservators und Werkbundmitglied

Johann Peter Lüth. Erschienen in der Bauwelt - Ausgabe 41/2010

 

 

Hinter den Fassaden der ehemaligen Bergwerksdirektion und der vormaligen „Saar-Galerie“ unweit des Saarbrücker Hauptbahnhofs wurden für 170 Millionen Euro 110 Geschäfte mit 25.000 Quadratmetern Verkaufsfläche eingerichtet. Anlass für die Zusammenfügung dieser beiden so unterschiedlichen Großbauten bot die in den späten 1980er Jahren von gmp geplante Saar-Galerie. Funktionale und städtebauliche Mängel hatten den dauerhaft wirtschaftlichen Gebrauch des Einkaufszentrums verhindert. Die Immobilie wechselte häufig Eigentümer, Management und Mieter. Es musste – darin waren sich Stadtrat, Stadtplanungsamt‚ Städtebaubeirat und Wirtschaft einig – etwas passieren.

 

Dass deswegen die benachbarte, gerade erst von der RAG-Saarberg AG vorbildlich instand gesetzte und als Verwaltungssitz genutzte Bergwerksdirektion ruiniert werden musste, war weder städtebaulich zu begründen noch funktional erforderlich. Zwischen der Reichs- und der benachbarten Viktoria straße hätten sich ausreichend ungenutzte und hinfällige Gebäude zu alternativem Gebrauch gefunden. Zur Not hätten auch 17.000 Quadratmeter einer leicht erweiterten Saar-Galerie auf eigenen Grundstücken genügt. Auf Wettbewerbe zur Erkundung dieser und anderer Möglichkeiten eines denkmalverträglichen Gebrauchs der Bergwerksdirektion, des „Stadtschlosses“ des königlich-preußischen Bergfiskus, verzichteten Stadt und Bauherrschaft. Schnell hätte sich erwiesen, dass sich Substanz und Grundriss des Denkmals mit einem „Einkaufscenter“ nicht vertragen.

 

Aber Schlösser haben Konjunktur, das zeigen nicht nur die Schlossprojekte für Berlin, Potsdam und Hannover. Auch das ECE-Management liebt Schlösser und „rekonstruiert“ sie sich und seinem Publikum – wie in Braunschweig – oder ruiniert sie durch Auskernung‚ solange noch ein ansehnliches Architekturbild übrig bleibt – wie in Saarbrücken. Weder die Proteste der Bürger noch die Aufklärungsaktionen des Deutschen Werkbundes Saar zur Rettung des Denkmals vor falschem Gebrauch, noch 7000 Unterschriften beeindruckten die Regierung des Saarlandes, geschweige denn die Stadt Saarbrücken.

 

Im Jahr 2006 stellte Ministerpräsident Peter Müller dem ECE-Geschäftsführer Alexander Otto bei einem kleinen Mittagsgespräch in der Staatskanzlei die denkmalrechtliche Erlaubnis zur Entkernung des Gebäudes in Aussicht. Auch eine Mahnwache der Bergleute konnte die Bauherren nicht umstimmen. Durch die Totalentkernung wurde die wertvolle Innenausstattung des Baus vernichtet: die technisch bemerkenswerte Lüftungs- und Heizungsanlage, das rhythmische Stakkato der Rundbogen-Flurfluchten, die Raumerschließung sowie alle Treppen – abgesehen von der gusseisernen Haupttreppe des Eckeingangs. Abgebrochen wurden die Dachkonstruktionen und alle Geschossdecken. An ihre Stelle traten weitgespannte und in der Höhenlage mit den Fassaden nicht mehr korrespondierende, über Rampen und Rolltreppen erschlossene neue Decken. Damit hatte man nicht nur die substanzielle Übereinstimmung von innerer und äußerer Architektur des Gropius-Schmieden’schen Meisterwerks zerstört, mit der Entkernung verloren sich zugleich alle Sinnzusammenhänge des Gestalt- und Kompositionskanons des für die 80er Jahre des 19. Jahrhunderts modernsten, nahezu alle Historismen überwinden den Rundbogenstils.

 

Doch damit nicht genug: Die geretteten, jetzt „potemkinschen“ Fassaden wurden durch Regenwasser, das über offene Mauerkronen einsickerte, schwer beschädigt; einschwingende Rampen, vorgeklebte Erschließungsgalerien und disproportionierte Durchgänge stören die vormals essentiell schlichten Fassaden des Innenhofs. Stadträumlich bedeutsamer wirken die Beschädigungen der durch Pavillons rhythmisierten, ungleich langen Flügelbauten an Trierer und Reichstraße. Durch den Abbruch der Hauptzugangstreppe des Eckpavillons und ihren Ersatz durch eine behindertengerechte Platzrampe unter auskragendem Glasdach ist die Eckarchitektur als point de vue der Straßengabel von Viktoria- und Bahnhofstraße kaum noch auszumachen. Dass auch das große Oval des modernen Spiegelbrunnens davor abgebrochen wurde, wird vor allem dem Sicherheitsdienst des Einkaufstempels gefallen, ist damit doch ein Lieblingsplatz der Obdachlosen weggefallen. Zum Unglück der architektonisch und stadträumlich mehr als fahrlässigen Übergänge und Anschlüsse der Bergwerksdirektion an die zeitgenössische Architektur der Erweiterungen schweigt des Sängers Höflichkeit.

 

Eine wenig rühmliche Rolle in dieser Tragödie spielt die saarländische Denkmalpflege. Als Untere Denkmalschutzbehörde folgte sie allen Wünschen des Bauherrn, als eigentlich zuständige Landesdenkmalpflege schwieg sie – man sprach von ei nem Maulkorb – so lange, bis im 2004 novellierten Denkmalgesetz Fach- und Vollzugsbehörde zusammenfielen und Josef Baulig, vormals städtischer Denkmalpfleger, zum Leiter des neuen Landesdenkmalamts bestellt wurde. Baulig verantwortet die Zerstörung der Bergwerksdirektion mit nicht näher definierten gesamtgesellschaftlichen „Argumenten“ und lobt sie als gelungen. Das dürfte zumindest die ECE-Stiftung „Lebendige Stadt“ ähnlich sehen.

 

 

Bergwerksdirektion ausgeschlachtet!

So wird ein saniertes Denkmal zu einem ECE-Einkaufstempel: der Innenbereich wurde komplett entkernt. Nur die Fassaden bleiben stehen.

Rettet die Bergwerksdirektion Saarbrücken!

Der Deutsche Werkbund Saar e.V., Bund Deutscher Architekten Saarland, Landesverband der Bergmanns-, Hütten- und Knappenvereine des Saarlandes e.V., Saarländische Verein für Denkmalschutz e.V., Rheinische Verein für Denkmalpflege und Naturschutz

unterstützen

die Entschließung der Konservatoren und Freunde der Denkmalpflege anlässlich des 74. Jahrestages der Denkmalpflege am 07. Juni 2006 im Saarbrücker Schloss

und protestieren

gegen die von der Landesregierung tolerierte Zerstörung des Denkmals Bergwerksdirektion. Sie sind entsetzt, dass weder die Warnungen der Denkmalpfleger Deutschlands noch die Entschließungen des Landesdenkmalrats, des Deutschen Werkbund Saar und des Bundes Deutscher Architekten beachtet oder die Stimmen saarländischer Vereine der Heimat- und Denkmalpflege auch nur gehört wurden.

 

Sie fordern:

 

1. Eine sinnvolle und nachhaltige Nutzung der Bergwerksdirektion.

Dazu ist es notwendig, sich mit der besonderen inneren und äußeren Architektur des Bauwerks auseinanderzusetzen anstatt das Gebäude bis auf die Straßenfassade und das Treppenhaus abzubrechen, wie es die bekannt gewordenen Pläne zeigen. Diese bedeuten eine vollständige Zerstörung des einzigartigen Denkmals saarländischer Geschichte und eines der besten Bauten der späten Schinkelschule in Deutschland. Übrig bliebe eine beschädigte Fassade als historische Attrappe belanglosester Einkaufsarchitektur.

Der Ministerpräsident möge seine Entscheidung zurücknehmen und der Stadtrat seine Beschlüsse überdenken.

 

2. Einen Gutachterverfahren zur architektonischen und städtebaulichen Entwicklung des Bereichs um den künftigen Saarbrücker Eurobahnhof

Dazu gehören außer der Bergwerksdirektion und der Saargalerie auch die leer stehenden Gebäude der Alten und Neuen Post und der Bahnverwaltung, damit sich ein wirkliches Entree zur Stadt Saarbrücken entwickelt.

Die Bergwerksdirektion muss das Herz dieser Raumfolge sein und nicht deren Opfer, zumal sie gerade aufwändig renoviert wurde. Die Bewirtschaftungsprobleme der Saargalerie sind nicht um den Preis der Zerstörung der Bergwerksdirektion - eines gut funktionierenden Verwaltungsgebäudes - zu lösen.

 

Bergwerksdirektion Saarbrücken