'SCHRUMPFEN als Chance? Stadt und Gesellschaft im Wandel'

Gemeinsamer Studentenwettbewerb 2004 / 2005 der Schader-Stiftung und des Deutschen-Werkbunds Baden-Württemberg.

 

Von 60 eingereichten Arbeiten zeichnete die Jury die unten genannten 6 Arbeiten aus. Die Preisträger wurde eingeladen, bei einem Workshop unter der Leitung von Marta Doehler Behzadi und Prof. Tom Sieverts am 22.-23. April 2005 bei Vitra in Weil a. Rhein ihre Arbeiten weiter zu entwickeln.

Der Jury gehörten an:

_ Prof. Dr. Hans-Joachim Bürkner, Professor für Wirtschafts- und Sozialgeographie an der Universität Potsdam, Abteilungsleiter am Institut für Regionalentwicklung und Strukturplanung, Erkner

_ Dr.-Ing. Marta Doehler-Behzadi, Freie Architektin für Stadtplanung, 

Büro für urbane Projekte, Leipzig

_ Wolfgang Kil, Architekt und Journalist

_ Prof. Timm Ulrichs, Künstler und Architekt, Professor an der Kunstakademie Münster

Die ausgezeichnete Arbeiten sind:

_ flatten_all/Rückzug aus der Platte

Stefanie Tröger und Boris Harbaum, Dresden

Ausgangsbedingung der Arbeit ist eine radikale Entscheidung: der Totalabriss von Halle-Neustadt. Unabhängig davon, wie man diese Entscheidung bewertet, untersucht das Konzept flatten_all alle daraus folgenden Konsequenzen, insbesondere auch jene schmerzvollen Einschnitte in die Alltagserfahrungen der vorläufig weiter anwesenden Bewohner. Die Arbeit zeigt einen guten Informationsstand der wichtigen Literatur zum Thema und wendet Erkenntnisse daraus zielsicher an. Die Radikalität des Ansatzes zwingt den Beobachter, die Komplexität der Rückbauprozesse kritisch zu überdenken und die Belange der Betroffenen stärker ins Auge zu fassen. Es entsteht ein "Katalog³ derjenigen Problemlagen, die in der Rückbaupraxis am häufigsten missachtet werden. 

 

_ Schichtwechsel Görlitz

Alexandros Tzouros, Dominique Fiegler, Gregor Herberholz und Christine

Laubert, Dresden

Der Beitrag stellt ein Revitalisierungskonzept für die Görlitzer Nikolaivorstadt vor, der bauliche Gestaltungsvorschläge mit Ideen zur Bürgerbeteiligung und bürgerschaftlichen Selbsthilfe kombiniert. Angesichts der großen Schwierigkeiten in Ostdeutschland, Planungsprozesse im Stadtumbau mit bürgerschaftlichen Beteiligungs- und Aktionsformen zu verbinden, stellt das Konzept eine wichtige Gestaltungs- und Organisationsidee zur Diskussion.

Bei dem betrachteten städtischen Teilraum handelt sich um ein konsolidiertes innerstädtisches Wohnquartier mit demographischer Durchmischung und Zuzug, vermutlich auch mit relativ zahlungskräftigen Bewohnern, die Anstöße zur Aktivierung nachbarschaftlicher Selbsthilfepotenziale geben können. Neben eher konventionellen Formen der Selbstaktivierung (Bürgerverein, Tauschbörsen usw.) wird als innovatives Element das Modell der Hauspatenschaften eingeführt. Diese Patenschaften sollen über Vereinsgründungen den Erhalt der Bausubstanz leer stehender Häuser ermöglichen und den Paten spätere Nutzungsrechte garantieren. Der Handlungsansatz lässt aufgrund seines Modellcharakters erwarten, dass er zu Weiterentwicklungen Anlass gibt. Die BearbeiterInnen des Beitrags wären gut beraten, u.a. über die gesamtstädtische Dimension des Ansatzes weiter nachzudenken. So wäre denkbar, dass Hauspatenschaften nicht nur innerhalb ein und desselben Wohnquartiers, sondern auch in einer Art gesamtstädtischen Partnerschaft zwischen Bewohnern konsolidierter (als Geldgeber und Mentoren) und gefährdeter Quartiere entwickelt werden.

 

_ Mobile Aktionsgruppe Stadt/Zeit zu gehen...

Florian Groß, Sebastian Hermann, Timo Amann und Thomas Müller,

Kaiserslautern

Der Beitrag versteht sich als teils ironischer, teils provokanter Denkanstoß für ein erweitertes öffentliches Bewusstsein für die Ursachen und Folgen des Themas "Suburbanisierung³ und konzipiert exemplarische Aktionsformen für die Aktivierung bzw. Motivierung der Bewohner suburbaner Regionen für einen Rückzug in die Kernstädte. Eine fingierte Plakataktion zur Mobilitätsberatung, Aufklärungsschriften und Lehr-CD-ROMs zu den Folgen von Suburbanisierungsprozessen, Postkarten mit aufklärerischen Slogans und andere Medien transportieren Botschaften wie "Suburbia sucks³, "in die Stadt ziehen³ oder "konzentriert euch³ allesamt mit dem Ziel, die Kernstädte aufzuwerten und zu einer neuen Urbanität zu finden. Als erfrischender, fundierter und direkt zu Diskussionen anregender Beitrag, der in eine Vielzahl lokaler Debatten direkt eingespeist werden kann, wird er von der Gutachtergruppe zur Prämierung empfohlen. Der BearbeiterInnengruppe wird für die Weiterentwicklung des Ansatzes angeraten, unterschiedliche praktische Umsetzungsszenarien durchzuspielen und die Materialien daraufhin zu fokussieren. 

 

_ Cargo City Net ... was die Stadt zusammenhält

Tobias Strecker, Tobias Baur, Stefanie Witulski und Peter Bischler, Konstanz

Die Arbeit richtet die Aufmerksamkeit auf die sozialen Folgen der Schrumpfung, speziell auf das Ausdünnen der Versorgungssysteme, womit eine Schwächung der sozialen Netze einhergeht. Auf diese drohende Situation wird mit der durchaus realitätsnahen Konzeption einer mobilen Versorgung reagiert: Die Dienstleistungen kommen zum Bürger. Für diese Idee wird ein phantasievolles Unternehmens- und PR-Konzept entwickelt und in Form einer Info-Broschüre spielerisch vorgeführt. Für eine Vertiefung des Themas wird vorgeschlagen, das System mobiler Versorgung für die Fläche, d.h. für die sich rapide leerenden Landschaften der äußeren Peripherien weiter zu entwickeln dort wird mit einer Realisierung eher zu rechnen sein als in städtischen Kontexten.

 

_ Staybility Wurzen

Iris Holland, Nicola Späth und Kai-Uwe Reitmann, Leipzig

Die Autoren beginnen ihre Auseinandersetzung mit der ebenso klaren wie schwierigen Aussage, dass man sich im Stadtumbau nicht den Symptomen, sondern den Ursachen stellen muss. Aus einer Auseinandersetzung mit der Lage der Stadt im Raum sowie mit den einzelnen Stadtteilen werden Szenarien entwickelt. Mit einigen noch eher plakativen Aussagen wird ein breites Handlungsfeld aufgemacht, das Imageprobleme ebenso anspricht wie die Schaffung neuer Arbeitsplätze. Hier liegt auch der innovative Ansatz, den die Jury in erster Linie würdigt: Wohnungsüberhang und fehlende Arbeitsplätze soll die "heiße Idee³ für eine "neue Gründerzeit³ befördern. Jugendliche sanieren leerstehende Gründerzeitbauten und bewohnen sie dann selbst. Zu fragen ist allerdings, ob diese Idee im schwachen Gründerzeitbestand ihren richtigen Austragungsort hat und wie nachhaltig sie wirken kann: Was tun die jungen Leute, wenn sie eine Wohnung haben und ihr Haus fertig saniert ist?

 

_ Synergie . Schrumpfung und Nachhaltigkeit

Felix Luether, Gerrit Baumann und Rudolfo Tarulliaus, Darmstadt

Die Autoren stellen sich übrigens als einzige im Teilnehmerfeld dem Problem der stadttechnischen Ver- und Entsorgung. Vor dem Hintergrund des Einwohnerrückgangs werden vereinzelte "Wohnnischen³ stehen bleiben; die Aufrechterhaltung der technischen Netze und Anlagen ist in Frage gestellt. Autarke Ver- und Entsorgungskonzepte räumlich, technisch und ökonomisch zu entwerfen, ist eine überaus relevante und aktuelle Fragestellung für schrumpfende Städte und Siedlungseinheiten. Ob sie dazu beitragen können, neue Wohnqualitäten, gar neue "Adressen³ zu schaffen, soll weiter diskutiert werden. Die Jury empfiehlt, die Ansätze dieser Arbeit mit denen anderer Preisträgerarbeiten in Verbindung zu bringen, beispielsweise mit flatten_all.

Weitere Informationen

Besuchen Sie die Website der Schader Stiftung www.schader-stiftung.de für weitere Informationen.

Der Auslobungstext

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